Beiträge der virtuellen Wandzeitung

J.P.: Am Bach

Am Bach

Reiner Übermut
drängt Woge und Schwall
im Wirbel verkräuselt
in Gischt sich berauschend
von Stein zu Stein das Ufer hinab.

Grün umrandet von feuchtem Gras
von hängenden Halmen tropfengespeist
zieht sich das schlängelnde Band
silbernen Glanzes
durch Feld und Flur.

Und sprudelt und fließt
und drängt
aus der Enge sich lösend
ins schäumende Glitzern
tausender lichtgetroffener Kristalle,

Die im Fallen
wieder sich sammeln
zu alter Gestalt
Raum wieder füllenden Wassers
und dunkel umfassender Flut.

Im breiten Bachbett, wo sich mehr Ruhe einstellt, nimmt der Himmel sich Muße,
ein hellsichtiges Blau in das Wassergrün zu mischen, das sich seinerseits im Murmeln und Brausen gefällt und dem Auge zum Ohrenschmaus wird.
Es kann dieses Leben nicht deutlicher sprechen als durch diesen Lauf,
dem ein Gehen und Bleiben beschieden ist wie nichts Vergleichbarem auf dieser Welt.

Luft mischt sich nun ein und Wiesenfarbe, und bald ist der Lauf ein ruhiges Fließen.
Die Wasseroberfläche scheint wie eine gewellte durchsichtige Haut leicht auf und ab zu sinken, ein Weben ohne Aufsehen bewegt sich ruhig durch das ebene Feld.
Friedlich, als wollten die Wasser ihr inneres Geflecht wieder ordnen und ein Rinnsal bilden, das wieder Gelegenheit hat, in aller Ruhe Höhe und Tiefe zu füllen, streift der Bach Wiesenrand, Steine und Wurzeln in freundlicher Geste.

Aber bald folgt wieder ein stürmisches Auseinanderdrängen, ein breites über die Stufen Stürzen, ein Steineumspringen und Schäumen beim Fall über eine kleine Geländestufe in ein dunkles Waldstück. Hier im rauh herrschenden Getriebe eines in tausend Teile zerstiebenden Ganzen, das sich nicht fassen kann, wirkt die Sonnenwelt der Farben auf kurzer Strecke wie ausgeblendet, bis wieder das helle Grün der nächsten, unter der Stufe liegenden Wiese zum Vorschein kommt.

Immer wieder wird so der Wandel Gestalt und versucht sich der Wechsel an der Dauer.
Was aber trifft hier den Betrachter?
Sprudelt ihm etwas wie die Quelle, quillt ihm etwas wie das Wasser? - wenn das Herz einmal nicht von den eigenen Schlägen geplagt und von fremden erregt oder erschüttert wird, Altar dem inneren Leben und Motor dem äußeren? Wessen kann es innewerden, wenn das Auge die ruhige Bewegung des Wassers verfolgt? Überströmende Fragen.
Überströmend die Fragen.
Doch plötzlich ist das Wasser trübe.
Ist ihm ein Ereignis zugestoßen.
Ein dumpfer Tritt hat den Rasen vom Ufer getreten.
Ein unbedachter, ein mutwilliger, ein gejagter Schritt?
Aus der klaren Flut wird ein trüber Schwall, der Bach zeigt zürnend jene Gebärde, schneller und drohender diese Umwälzung zu Tal bringen zu wollen. Aufgewühlter erdiger Grund tritt zu tage und scheint das Wasser zu verdrängen.
‚Mühe dich, Bach, meine Schwere zu tragen, meine Farbe auf der kurzen Strecke, ehe sie wieder entsinkt’
Er kennt dies ebenso wie die Gewißheit, daß kein Grün am Rande, kein Sonnenlicht und keine Menschenhand ihm seine Klarheit wieder geben kann, sondern nur das Wasser selbst, nachdem es das Trübsein erfahren und tragen gelernt hat und dann fallen lassen kann, da es nicht seinesgleichen ist.

Ihm bleibt zu eigen der schimmernde Glanz seines bewegten Lebens,
das Leuchten seines klaren Wesens im Auge des Betrachters.

J.P. ( 3.1.2005 )