Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Uwe Ladstädter: Prominenten-Eierpecken

Das ist schon recht mühsam. Man wird aufgerufen, in eine grüne Stadtmarkt-Schürze gewickelt und auf eine Holzbank gedrängt. Ein Mikrofon ist auch da und eine blonde Frau, die eine Stunde lang zu den Kandidaten und zu den Farben der in einer Schüssel wartenden Eier etwas sagen soll.

Die Prominenten im trüben Licht der abschätzig, skeptisch, teilweise teilnahmsvoll, aber hauptsächlich desinteressiert sich gebenden und durchwegs ein Glas umklammernden Öffentlichkeit wissen auch nicht, was sie auf die Frage der Blonden antworten sollen, die wiederum auch nicht weiß, was sie noch fragen soll.Es ist den meisten bekannt, das es völlig gleichgültig ist, welches Ei genommen und welches Wort dazu verloren wird, und weil sie das wissen, ärgert es jene. Sogar dieser Hochleistungssport hat seine Profis, sozusagen Prominenten-Professionelle. Richtig Ausgekochte, Schlitzohren, mit allen Wassern gewaschene Frühaufsteher. Sie umklammern ihr Ei so umfassend und gänzlich, dass von diesem kaum noch die Farbe zu erraten ist. Es ist ihr Ei und steht ab sofort unter dem Schutz eines Mächtigen, der es zuerst an seiner Stelle in die Schlacht schicken und dann nach den üblichen Schuldzuweisungen aufessen wird. Eigentlich bekäme der Sieger das kriegsbeschädigte Ei. Doch der steckt lieber seinen Hartschalen-Prototyp ein und mischt sich triumphierend unter das Volk, das ihm – oder seinem Ei? – aufmunternd zunickt.
Jetzt, zwei Tage zu spät, weiß ich endlich, was ich angesichts der Mikrofondrohung hätte sagen sollen:
Es ist völlig egal, wer hier gewinnt. Verlierer, und das ist sicher, sind immer die Eier. Sie werden zusammengeschlagen, entkleidet und einverleibt.
Das ginge auch ohne Prominente.

Uwe Ladstädter © 4/2006