Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Heli Gander: reise zum achten kontinent

tag 1

aufbruch

nachdem die letzten medizinischen tests erfolgreich abgeschlossen sind, verlassen wir die quarantäne und treffen uns ein letztes mal im expeditionsbüro um den abschluss-check und die vorläufige reiseroute festzulegen.
elmar meint noch, ich könne die vier rollen verzinkten stacheldraht ruhig aus der ladung ausmustern, dafür aber mehr glasperlen, fingerhüte, gummibärchen und knopflochseide dazupacken, weil wir am achten kontinent sicher keine befestigten lager errichten müssten, wenn wir biwakieren.

die bewohner dort seien keine wilden, kennen keine steinschleudern und falleisen. er habe doch die überreste dieses mandalas wirklich und ohne zweifel entziffert. nachdem wir die ladung unter deck festgezurrt haben setzen wir die segel und tauchen mit der abenddämmerung in den großen nebel ein, hinter dem das land unserer begierde, der achte kontinent versteckt sein soll. voll vorfreude haben wir uns tüchtig angesoffen, wackeln in unsere kajüten und fallen in die hängematten.


tag 2

wann wir aufgestanden sind , wissen wir nicht, der dichte nebel lässt kein abschätzen der tageszeit zu.
sämtliche messinstrumente sind ausgefallen. die uhren stehen geblieben,
die kompassnadel rotiert wie ein tischkegelspielkreisel, der sextant von
unbekannten salzen korridiert und unbrauchbar, ja selbst der meterstock willkürlich gewunden. unser schiff macht aber gute fahrt und elmar
meint, dass er irgendwo da vorne sirenen hören könne, und ich muss ihm das wohl glauben, bei meiner angehenden taubheit. wir einigen uns darauf, das steuer auf gleichen kurs zu halten und die zeit nach hunger und müdigkeit abzuschätzen. bevor ich schlafen gehe, schreibe ich ins logbuch:
wahrscheinlich 23 uhr, gute fahrt gemacht, noch immer nebel und neugierig
auf morgen.


tag 3
vermutlich

ein ruck und gepoltere reißt mich aus dem schlaf und aus den träumen von der alten welt.

elmar schreit erregt, fast hysterisch
-die zeichen, schau, die zeichen
und ich habe doch recht gehabt, ich habe es
ja immer schon gewusst
von wegen hirngespinst und phantastereien
die zeichen, die zeichen-

unser schiff ist auf grund gelaufen
hinter uns immer noch dieser nebel
vor uns ein kieselstrand
und ein felsen, über und über mit diesen zeichen,
eingemeisselt und bemalen diese zeichen, von denen mir elmar seit unseres kennenlernens immer wieder den kopf vollgeplärrt hat.
also hatte elmar doch recht, unsere expedition
doch kein schlag ins leere wasserglas.
wir beladen das beiboot und rudern zum strand.
das milde klima verlangt keine aufwendigen
lagerbauten von uns.
ein kleines feuer nur fürs licht und eine flasche schnaps reichen für diesen abend.


tag 4

elmar ist sehr früh aufgestanden
weil er es kaum erwarten kann diese zeichen
zu enträtseln.
er schreibt und streicht und murmelt und
ehrfürchtig zelebriert er mir seine
übersetzung.

nachdem das meer ertrunken
die erde beerdigt
und das feuer verbrannt war
verschwand die luft im rauch des
neuen
von all diesen geschehnissen
gezeugten feuers

-es ist das feuer- meint elmar
und zeigt auf den vulkan den wir im
hinterland erkennen können.
wir packen unsere rucksäcke noch heute
um morgen noch vor sonnenaufgang
zum vulkan aufzubrechen


tag 5

wir schaffen den anstieg müheloser als wir gestern angenommen hatten.
bei unserer vorfreude und neugierde auch gar nicht verwunderlich.
vorbei an geysiren und tropfsteinen haben
wir unseren schritt an den rhythmus dieses
schlammblubberns angepasst.
am rand des vulkans angekommen
tritt uns ein mit diesem zeichen narbentätowierter
und federngeschmückter schamane in den weg und fordert uns auf, mit ihm am kraterrand platz zu nehmen.
er zeigt hinunter und wie gelähmt starren
wir ins magma bis uns die augen
tränen.
dann beginnt der schamane zu singen

die könige sind gestört und verdampft
die priester ertrunken an ihrer gier
vom ewigen leben

ich bin geblieben wo ich immer sein werde
ich bin der herr der flammen
ich bin der flamingo


tag 6

der schamane meint uns schon lange zu kennen und nur deshalb werde er uns einige
seiner federn geben um uns den mühevollen
weg in die vergessene stadt zu ersparen,
die wir noch aufsuchen müssten, bevor
wir daran denken könnten, in die
alte welt zurückzukehren.
es ist ein schöner langer flug wie eine
ballonfahrt in seifenblasen.
wir landen aber erst nach sonnenuntergang
vor den verschlossenen toren der vergessenen
stadt.
-es wird eine kalte nacht werden-
meint elmar.


tag 7

sie sagen uns dass heute markttag sei
und drängen elmar und mich durch die engen
gassen, die luft schweiß- und alkoholgetränkt
vorbei an teppichknüpfern
huren
feuerschluckern
gewürzhändlern
glücksspielgaunern
handlesenden lügnerinnen
fluchenden papageien
und jongleuren
zum hof der räte hin.

-man hat uns die zeit gestohlen
die nase verwehrt
die aussicht verklärt
den weg genommen-
jammern elmar und ich
die räte staunen nicht
grinsen zuerst
brechen dann in schallendes gelächter aus
dass ihnen fast ihre dicken schädel von ihren
fettwülstigen hälsen zu fallen drohen.
-wieder uferlose alte weltler
geht, geht zum teufel
geht, geht mit gott–aber geht-


tag 8

heimreise

es dämmert
und dämmert mir.
die muskeln zucken verkrampft
der mund schal und trocken
die mundwinkel schleimig verpickt
rüttelt mich elmar wach.

wieder daheim
steinhof
pavillon 8
aber nach dem frühstück mit malzkaffee
und pillenteller
werden wir ganz sicher den neunten
kontinent finden

© heli gander