Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Bernhard Aichner: Tödling

Wenn das Herz wirklich etwas mit Liebe zu tun hat, wenn es wirklich mehr ist als eine Pumpe, wenn es nicht nur ein rotes Stück Fleisch ist, dann ist es mir kaputt gegangen, auseinandergeplatzt, dann hat es aufgehört da zu sein, ich spüre es nicht mehr, ich habe es nie gespürt, aber ich atme. Da, wo es einmal war, ist es jetzt kalt. Da ist nichts. Es ist weg. Nicht mehr da. Ich habe kein Herz mehr.

Meine Eltern und mein Bruder sind tot. Bei einem Autounfall gestorben. Da war ich acht. Mein Name ist Tödling. Das bringt kein Glück, haben sie gesagt. Wenn man so heißt. Aber ich habe überlebt. Als einziger. Zu viert aus dem Haus. Auf dem Weg zum Vergnügungspark. Dann sind sie nicht mehr da. Sind einfach weg. Und man lebt ohne sie. Man zündet Kerzen an. Bringt Blumen. Sonst nichts mehr. Es ist alles weg. Und das Herz geht mit. Das, was übrig ist. Zuerst platzt es. Dann rinnt es aus.
Dann geht es weg. Jetzt kommt es zurück.

Waisenhaus. Keine Mutter. Kein Vater. Kinder, die mich quälen, weil ich diesen Namen habe. Friss dich tot, sagen sie. Kleiner Tödling, friss. Und sie stopfen mir Kekse in den Mund, bis alles trocken ist und sie geben mir kein Wasser. Du wirst es überleben Tödling. Mach dein Maul auf. Bis ich Brösel kotze. Sie aus mir heraus huste. Du wirst es überleben Tödling. Du hast auch den Unfall überlebt. Friss jetzt. Da war ich neun.

Sie haben mir den Kopf unter Wasser gehalten. Über zwei Minuten lang. Ich habe überlebt. Sie haben mich vom Dach gestoßen. Drei Stockwerke tief. Ich habe überlebt. Ich habe nichts gesagt. Mir mein Bein gebrochen. Nichts gesagt. Sie wollten sehen, ob ich es wirklich bin. Unsterblich. Sie sind am Dach gestanden mit offenen Mäulern und ich habe hinaufgeschaut, bin aufgestanden und habe sie angegrinst. Danach war Ruhe. Sie gingen alle einen Bogen um mich. Ich war unsterblich.

Mit dreizehn versuchte ich es das erste Mal. Mich selbst umzubringen. Ich kaufte ein Pistole und schoss dahin, wo andere ein Herz haben. Die Kugel kam hinten heraus. Sie operierten mich und wollten es nicht glauben. Ich hatte überlebt. Ich war die medizinische Sensation in diesem Winter. Jeder andere wäre gestorben. Dann ist alles verheilt und es war wie vorher. Kalt. Kontrollbesuche. Alles ist zusammengewachsen. Vorne links auf der Brust blieb die Narbe. Hässlich. Ein langer Schnitt. Zugenäht. Aufgeschnitten, es heraus genommen, zusammengeflickt, es wieder hineingesteckt, tief vergraben, zugenäht. Nur eine Pumpe. Sie zum Gehen gebracht. Nur eine Pumpe. Sonst nichts.

Ich habe mich gehasst dafür. Dass ich überlebt habe. Warum ich. Mein Bruder hatte gelbe Locken. Meine Mutter war Malerin. Immer habe ich überlebt. Obwohl ich es nicht wollte. Da war kein Glück. Sei doch dankbar für das Leben. Der Pfarrer, dieses Arschloch. Er hat im Heim die Seelen gestreichelt, Schafe gezüchtet, ihnen zugeredet, sie in seinen Beichtstuhl gezerrt, sie an den Haaren gezogen, an den Ohren, ihnen auf die Hände geschlagen mit einem Lineal. Sei dankbar für das Leben Tödling. Dieser Name. Das bringt Unglück. Spürst du das. Das Leben bestraft dich für deinen Undank. Hör auf zu weinen Tödling. Ich habe damit aufgehört.

Ich war immer allein. Immer Außenseiter. Weil sie Angst hatten vor mir. Der Tödling ist unsterblich. Ein Highlander. Kommt ihm nicht zu nahe. Ich habe mir diese Filme angesehen und mit dem Schwert angefangen. Gehärteter Stahl. Es zerschneidet ein Haar, wenn es durch die Luft auf die Klinge fällt. Aikido. Stundenlang im Hof allein diese Bewegungen. Wie das Schwert meinem Körper entlang tanzt. Eins wird mit mir. Kalter Stahl, wenn das Schwert meine Haut berührt. Ich war unsterblich. Ein Highlander. Für immer allein.
Ich bin für vier Jahre nach Schottland. Ich wurde Waffenschmied. Fertigte mein Meisterstück. Tanzte jahrelang mit meinem Schwert. Dann kam ich zurück. Der Tödling ist ein Spinner, haben sie gesagt. Wie er schaut. Wie seine Augen sind. Der wird zum Mörder irgendwann mit seinem Schwert. Der Spinner. Aber er hat niemandem weh getan. Ich war allein mit meinem Schwert. Da war niemand sonst. Der Tödling tut keinem etwas. Nicht einmal sich selbst. Das hatte keinen Sinn. Nur das Schwert und ich. Es ist wie Meditation. Die Bewegungen. Wie die Muskeln gespannt sind, wie die Arme kreisen und die Beine. Wie ich wegtauche, nach unten. Immer nach unten. Da war nur ich. Da war es kalt. Da war niemand. Da war kein Licht. Keiner, der mich umarmt hat. Keiner, der mich gehalten hat, wenn es aus meinem Gesicht tropfte, heimlich in der Nacht, wie das Laken nass war unter meiner Wange. Wie es heraustropft und nicht aufhört. Nacht für Nacht.

Niemand hat mich berührt. Mich hat niemand berührt. Mit Händen und Fingern. Keine fremde Haut auf meiner. Nur Fliegen, die ich erschlagen habe. Stechmücken. Wie sie zerplatzen auf mir. Wie mein Blut aus ihnen herausspritzt. Vollgesogen, kaputt in meiner Hand. Ausgerissene Flügel. Tot auf meinen Handflächen und wie ich sie in meine Hose reibe. Bis alles wieder sauber ist. Wie die toten Leiber auf dem Stoff kleben bleiben, wie sie dann abfallen und weg sind. Flügel, Körper. Reste von mir.
Dann war ich wieder allein. Bis vor acht Wochen. Da kam mein Herz zurück. Es schwamm irgendwo im Meer herum.

Drei Stunden am Tag meditiere ich mit meinem Schwert. Sieben Stunden lang bin ich Goldschmied. Schmuck verkauft sich besser als Schwerter. Ich habe eine Wohnung und eine kleine Werkstatt. Den Schmuck verkaufe ich im Internet. Ich habe mit niemandem zu tun. Das war immer so. Bis vor einem Jahr. Zuerst kam die Mail. Von einer Frau. Dass sie gerne mehr von meinen Sachen sehen wolle, dass sie gerne in meine Werksatt kommen würde, dass ihr meine Dinge gefallen, dass sie noch nie so schönen Schmuck getragen hat vorher. Es ist nicht üblich, dass mir jemand schreibt. Normal nur die Bestellung mit Artikelnummer. Sonst nichts. Manchmal der Wunsch nach Änderungen und Lob für meine Arbeit. Aber der Wunsch mich kennenzulernen. Mich. Ich habe nicht zurückgeschrieben. Doch sie schrieb wieder und wieder. Warum ich nicht antworte. Sie wolle nicht aufdringlich sein. Aber sie war es. Nach drei Wochen habe ich zurückgeschrieben. Dass ich keine Besuche mag, dass sie bitte verstehen soll, dass ich lieber für mich bin. Dann bin ich aus dem Haus. Und dann war der Unfall.

Gleich wie damals. Eine Familie im Auto. Ein Reifen platzt, der Vater verliert die Kontrolle über den Wagen und fährt an die Wand. Ich war dazwischen. Das Auto ist auf mich zu und in mich hinein. Ich wurde zur Seite geschleudert, das Auto fuhr in die Wand. Die Eltern und ein Kind waren tot. Ich hatte überlebt. Der kleine Junge auch. Wir kamen in die selbe Klinik. Er ist acht Jahre alt. Ich bin dreiunddreißig. Wir waren beide allein.

Fast ein halbes Jahr war ich da. Der Junge auch. Zuerst am Ende des Ganges. Dann im gleichen Zimmer mit mir. Davor lange auf der Intensivstation. Er war so klein, seine gebrochenen Beine, seine ausgehungerten Arme. So klein alles. Wie er da lag, als sie ihn vorbeischoben an mir. Wie sein Gesicht war. Zusammengefallen, ohne Ausdruck, die Lippen fest aufeinandergepresst, so als würde er etwas festhalten mit ihnen, so als hätte er den Aufprall in seinem Mund gespürt, ihn noch abwenden wollen, die Hände vor sein Gesicht getan, vor seine Augen, die Lippen zusammengepresst. Und dann waren sie tot. Und seine Lippen sind so geblieben. Wochenlang.

Wie ich nach zwei Monaten an sein Bett komme in meinem Rollstuhl, ihn ansehe und meine Finger auf seinen Mund lege. Wie er da liegt und schläft und nicht aufwacht. Zwei Monate und acht Tage im Koma. Dann hat er seine Hand bewegt, seine Finger und dann die Augen, sie langsam aufgeschlagen. Wie ein altes Buch mit zerknitterten Seiten. Sein Blick zur Decke, sonst nirgendwohin. Ich sitze neben ihm in meinem Stuhl, schaue ihn an wie jeden Tag, bin bei ihm, damit er nicht allein ist. Er war wach, schaute mich nicht an, er schaute niemanden an, nur die weiße Decke über ihm. Ich sagte nichts, ich war nur da. Ich lag in meinem Bett, saß in meinem Stuhl, in den sie mich hoben zu dritt, weil ich ihm näher sein wollte. Zu weit entfernt war mein Bett. Ich hörte ihn atmen. Er hörte mich atmen. Schmerzen waren überall. So vergingen die Tage.

Du bist der Mann vor dem Auto. Sonst sagte er nichts. Nach vier Tagen hat er mich angeschaut. Ohne Ausdruck hat er den Kopf zur Seite gedreht, seine Wange in den Polster gedrückt und mich angeschaut. Ich habe nichts gesagt, ihm nur seine Hand genommen und sie gehalten. Sie ist klein in meiner gelegen. Weich seine Finger und oben in seinem Gesicht die Augen, die nach den Eltern suchen. Wir haben beide geschwiegen. Er war schwach, hat seine Augen wieder zugemacht und seine Finger fest in meine gedrückt. Es waren die einzigen, die da waren.

Nach einer Stunde habe ich geläutet. Zuerst die Schwester, dann die Ärzte. Laut sind sie über ihn hergefallen, haben mich zurück in mein Bett gehoben, sich auf ihn gestürzt. Sie haben mich aus dem Zimmer geschoben. Ein Psychologe hat mit ihm geredet. Jeden Tag kam er, saß an seiner Seite und sagte ihm, dass er jetzt allein ist. So war es bei mir auch. Anzug und Krawatte und Mundgeruch. Und er soll sein Maul halten, der Krawattenmann. Meine Familie ist nicht tot. Hau ab. Du stinkst. Sie sind nicht tot. Man hörte ihn schreien draußen am Gang. Laut und schrill. Dann ist seine Stimme gebrochen. Dann war er allein.

Ich bin immer bei ihm geblieben. Wollte nicht weggehen von ihm, wollte ihm nahe sein, wollte ihn festhalten, ihn umarmen, seine Tränen auffangen, ihn halten. So gut ich es konnte. Es war alles wieder da. Ich wusste, wie es ist. Ich wusste, wie es sein kann, ich wusste, wie weh es tut, ich wollte ihm helfen. Mir hatte keiner geholfen.

Wir sind gesund geworden. Die Wunden vom Unfall sind verheilt. Ich konnte wieder gehen. Einige Narben waren mehr auf mir. Ich half ihm beim Essen. Zuerst wollte er nicht. Die Ärzte machten sich Sorgen. Er rührte nichts an, starrte nur an die Decke. Er wurde immer weniger. Ich habe ihm von mir erzählt. Bin da gesessen und habe geredet über mich. Das war das erste Mal. Und er hörte mir zu, sagte nichts, hörte nur zu. Er drückte meine Hand, wenn ich aufhörte. Ich erzählte weiter. Und irgendwann ließ er sich füttern von mir. Ich schob ihm den Löffel mit Suppe an den Mund und er hat ihn ausgetrunken. Er musste ihn nicht selber halten. Ich füllte ihn und er schlürfte. Immer wieder.
Dann aßen wir gemeinsam, sie schoben unsere Betten nah aneinander und wir aßen. Auch wenn es nicht schmeckte. Ich erzählte und er begann Fragen zu stellen. Kleine, dann große.

Ich weiß nicht, wann er begriffen hat, dass sie alle tot waren. Ich weiß nicht, ob man das überhaupt begreifen kann. Sie sind einfach nicht mehr da, sagen nichts mehr vor dem Schlafen gehen, trösten nicht mehr, wenn man hinfällt, sie sind einfach weg. Von einem Moment zum anderen. Und da sind noch so viele Fragen, die man hat. Und so viele Antworten, auf die man wartet. Sie hat mir ein Eis versprochen, wenn wir da sind. Wir haben gelacht im Auto, wir wollten zum Vergnügungspark, wir wollten noch so viele Dinge. Dann war der Unfall und sie waren weg.
Er wollte mit seiner Familie zu einem Fußballspiel. Sie sollten ihm zuschauen, ihn anfeuern, ihn hochleben lassen, ihm Mut machen. Einfach nur da sein. Jetzt lag er da, seine Beine kaputt, Schrauben und Platten unter seiner Haut. Er sprach nicht über sie, er fragte nicht, sagte nichts, aber in der Nacht hörte ich ihn weinen. Ich wollte zu ihm, ihn halten, aber auch meine Beine waren kaputt. Ich hörte ihm zu. Seine Tränen gingen tief in den Polster hinein. Fast jede Nacht.

Als wir beide wieder sitzen konnten, spielten wir Spiele. Wir saßen an dem Tisch in unserem Zimmer und spielten. Irgendwann begann er zu lachen. Er hatte achtmal hintereinander eine Sechs gewürfelt. Er strahlte mich an und stopfte sich Kuchen in den Mund. Wir waren beide nicht mehr allein.

Er wurde zwei Wochen vor mir entlassen. Wir umarmten uns, als er ging. Wir wollten zusammenbleiben, er sollte bei mir wohnen, ich würde für ihn sorgen, ich würde ihn festhalten, wenn seine Haut danach schrie, ich würde für ihn kochen, für ihn sorgen, für ihn da sein. Die Gedanken daran erinnerten mich an mein Herz. Dass es einmal da war früher. Leise war etwas da unten in mir. Ich fühlte etwas. Es war fremd, aber schön. Ich hatte Angst, dass es wieder weg ging. Jetzt, wo es so nah war. Und es ging weg. Er kam in ein Heim, dort sollte er warten, bis ihn jemand haben wollte. Ich wollte ihn, aber ich bekam ihn nicht.

Als ich entlassen wurde, besuchte ich ihn. Er hüpfte an mir hinauf und umklammerte mich, schlang seine Arme um meinen Hals und grub sein Gesicht in meine Haut. Er ließ nicht los. Lange blieb er so auf mir, ohne etwas zu sagen. Ich trug ihn durch den Garten und erzählte ihm von unserer gemeinsamen Zukunft, dass ich ihn bald abholen komme, dass ich ein Zimmer für ihn fertig mache, dass es schön wird.
Er hing an mir. Und ich hing an ihm. Ich träumte laut.

Das Amt sagte mir, dass es nicht gehe, ich könne kein Kind adoptieren. Alleinstehende Männer bekommen keine Kinder. Ich saß in diesem Büro und erzählte meine Geschichte, einem Fremden. Ich konnte nicht verstehen, was er mir sagte. Ich wollte nicht. Ich begann zu schreien, spuckte auf seinen Schreibtisch und ging. Sie sagten mir alle dasselbe. Ich durfte ihn nicht haben, nicht bei mir haben. Tödling war kein passendes Umfeld. Der Junge braucht auch eine Mutter, wir schätzen ihr Bemühen. Aber es geht nicht. Und aus. Da war es wieder kalt. Ich spürte nichts mehr. Es war wie immer.

Als ich ihm sagte, dass ich ihn nicht mitnehmen kann, dass sie es mir nicht erlauben, dass es mir leid tut, hat er mich mit kalten Augen angestarrt, mich losgelassen, seine Hand aus meiner genommen und nichts mehr geredet. Dann ist er ins Haus gerannt und nicht mehr herausgekommen. Ich habe acht Wochen nicht gesprochen mit ihm, ihn nicht berührt. Er wollte mich nicht sehen. Ich stand am Zaun und habe ihn beobachtet, wie er im Garten mit anderen Kindern spielte. Ich wollte ihn beschützen, ich wollte nicht, dass man ihm weh tut, dass er sein Herz verliert, es nicht mehr spürt.
Die Heimleiterin sagte, es sei besser, wenn ich eine Zeit lang nicht mehr komme, und dann nach sechs Wochen sagte sie, dass man Eltern für ihn gefunden habe. Sie würden ihn mitnehmen in ihr Haus, in ein neues Leben. Ich ging zurück in meine Wohnung. Mit meinem Schwert schlug ich auf einen Kasten ein und zertrümmerte ihn.

Als sie ihn abholten, stand ich in der Einfahrt. Er hat mich gesehen und mir zugewinkt. Ich bin zu ihm hin, habe mich bei ihnen vorgestellt und ihn umarmt. Er ließ es zu. Man erlaubte mir, ihn zu besuchen, jederzeit.
Dann fuhren sie in ihrem Auto davon. Ein neuer Vater, eine neue Mutter. Ein neues Auto. Die Frau hatte ein schönes, breites Lachen im Gesicht und zarte Finger, mit denen sie ihm durchs Haar fuhr.

Mich hatte niemand adoptiert. Mich wollte niemand. Ich war nicht gut genug. Viele kamen, um mich anzuschauen aber keiner hat mich genommen. Der Tödling war zu eigenartig, ein seltsames Kind, ich war unsterblich. Ich war ein Highlander.
Ich bin zu niemandem ins Auto gestiegen.

Ich habe ihn achtmal besucht. Immer mittwochs. Sie haben mich skeptisch beobachtet. Mich ungern mit ihm allein gelassen. Sie hatten Angst vor mir. Er hat mir von ihnen erzählt. Von Woche zu Woche mehr. Wie es mit ihnen ist, wie sie sind, wie sehr sie sich bemühen. Aber nichts über seine alte Familie. Darüber schwieg er. Niemand wusste, wie es ist. Außer mir. Aber ich hatte mein Versprechen gebrochen, ich hatte ihm nicht geholfen, ihn nicht abgeholt, ihn allein gelassen, im Heim, bei diesen Leuten. Manchmal lächelte er, wenn er erzählte, er brauchte mich immer weniger. Ich hatte mein Versprechen gebrochen, ich musste ihm helfen, ich musste ihn da heraus holen, ihn zu mir holen, ihn umarmen, wenn er weinte in der Nacht. Nur ich wusste, was in ihm war. Ich allein. Es war kein Zufall, dass sie in mich hineingefahren sind, dass ich auf ihn getroffen bin. Mein altes Leben kam zurück und ich wollte es nicht loslassen. Um keinen Preis. Auch wenn es weh tat. Ich hatte begonnen, etwas zu empfinden, ich hatte begonnen, mein Herz zu spüren. Es war da unten, es hat sich bewegt, es war warm für kurze Zeit. Das wollte ich wieder.
Also holte ich ihn heraus aus diesem Haus und nahm ihn mit.

Ich holte ihn von der Schule ab. Er stieg zu mir ins Auto und wir fuhren nach Sardinien. Zuerst Livorno. Dann mit der Fähre. Ich muss nach Hause, sagte er. Du hast kein Zuhause mehr, sagte ich.

Während der Fahrt redeten wir wenig. Die meiste Zeit war Schweigen. Er kauerte in seinem Sitz neben mir. Auf der Fähre erklärte ich ihm Sardinien, erzählte ihm von Schottland und der Kunst des Aikido. Er begann von der Schule zu erzählen und von seinem Fußballteam. Wir hatten Spaß. Eine Woche lang. Wir schliefen in den Höhlen bei Palau. Ich war da früher oft gewesen. Eine kleine Kolonie von Aussteigern. Wir machten Feuer und grillten Fische. Nur mit einer Schnur und einem Haken saßen wir auf der Klippe und zogen sie nach oben. Er war fröhlich, fast wie ein normaler Junge.

Er fragte mich, was das für eine Narbe ist auf der Brust. Ich erzählte es ihm. Dass ich unsterblich bin, dass ich kein Herz habe. Er schüttelte den Kopf und sprang ins Wasser. Als er zurück kam, schrie er mich an. Ich will nach Hause. Ich habe ein Zuhause. Ich will zu meinen neuen Eltern. Du bist verrückt. Sie machen sich bestimmt Sorgen, suchen mich. Ich will sie nicht auch noch verlieren. Ich will nach Hause. Jetzt.

Mein Mund war weit offen. Ich wusste nicht, was passiert war. Er hatte seine Arme in die Seiten gestützt und seine Augen waren kalt.
Jetzt, sagte er.

Ich blieb. Bestimmt suchte man nach mir. Entführung eines Minderjährigen. Ich brachte ihn mit der Fähre zum Festland und fuhr wieder zurück. Ich hatte sie angerufen und gebeten, ihn abzuholen. Ich beobachtete sie, wie sie in die Bar kamen und ihn umarmten, sie schauten herum, suchten mich. Er umarmte sie auch. Beide. Er fiel ihnen um den Hals. Mir wurde schlecht.

Als sie in ihr Auto gestiegen und davongefahren waren, ging ich in die Bar und betrank mich. Mit der nächsten Fähre fuhr ich zurück auf die Insel, zurück in meine Höhle, zurück in meine Welt. Ich war wieder allein, holte den Fisch allein aus dem Wasser, meditierte mit meinem Schwert und schlief. Zehn Tage redete ich kein Wort. Dann kam der Alte.

Er hatte mich beobachtet und angesprochen. Er hatte einen Strohhut am Kopf, dunkelbraune, faltige Haut und weiße, helle Zähne. Seine Stimme war tief. Er setzte sich zu mir auf die Klippe und begann zuzuhören. Ich erzählte ihm alles. Von Anfang an. Ich ließ nichts aus. Zum dritten Mal erzählte ich meine Geschichte. Ich erzählte alles. Alles was weh tat, alles was war. Es wurde dunkel und es wurde wieder hell. Er saß da und hörte zu. Bis ich fertig war.
Du bist nicht unsterblich, sagte er. Kein Highlander. Du bist ein trauriger Mansch, aber du bist nicht unsterblich. Er lächelte. Ich zeigte ihm meine Narbe. Das hat noch niemand überlebt. Und die Unfälle, der Sturz vom Dach, zwei Minuten unter Wasser. Ich kann nicht sterben. Natürlich kannst du. Du hattest nur Glück.
Ich war mir sicher. Ich hatte kein Glück. Ich war ein Highlander. Ich hatte kein Herz. Es war mir ausgeronnen.
Dann zeig mir, dass du nicht sterben kannst, sagte er. Ich will es sehen. Ich sagte ja. Angst hatte ich nicht. Die Vorstellung, tot zu sein, war schön. Ich tat, was er mir sagte. Er stand da mit seiner braunen Haut und band ein Seil um einen großen Stein. Das andere Ende band er um meinen Fuß. Du gehst mit dem Stein nach unten, deine Hände sind gefesselt, du kannst nicht mehr nach oben. Ich hatte keine Angst.

Spring Tödling. Ich sprang. Ich tauchte ein. Gleichzeitig warf er den Stein in das Wasser. Mit einem Ruck zog es mich nach unten. Der Stein blieb liegen am Grund, ich hing an dem Seil, drei Meter unter der Oberfläche. Oben sah ich ihn stehen am Felsen. Verschwommen, wie er nach unten schaute. Ich hielt den Atem. Ich wusste nicht, was passieren würde, aber ich würde überleben. Ich hatte immer überlebt. Ich war unsterblich. Ich bewegte mich nicht, schwebte im Wasser, ich schaute nach unten, auf die Steine, auf den Sand am Grund, auf die Algen, wie das Wasser schwarz wurde weiter draußen, dann wieder nach oben auf den Felsen zu dem Alten.
Aber er war nicht mehr da, ich sah ihn nicht mehr. Nur der blaue Himmel und wie die Sonne ins Wasser stach, die Klippen und die Stelle, wo er gestanden war, an der ich gesessen war und die Schnur ins Wasser gehalten hatte. Er war nicht mehr da. Da war niemand. Ich spürte, wie mir die Luft knapp wurde, wie es sich zusammenzog in mir, irgendetwas würde passieren, ich würde weiteratmen, ich würde wie ein Fisch sein, ich würde hin und her schwimmen und warten, bis er wiederkommen und mich losschneiden würde, ich würde nicht sterben. Ich war mir sicher. Aber nichts passierte. Ich begann, an dem Seil zu ziehen, ich versuchte, den Stein mit dem Fuß nach oben zu ziehen. Er war zu schwer. Er bewegte sich nicht. Ich war allein, ich hatte keine Luft mehr, ich öffnete meinen Mund, Wasser kam hinein. Ich warf meinen Kopf herum, mein Körper zuckte, mein Bauch, meine Beine, mit dem freien Fuß wollte ich das Seil vom anderen streifen. Es ging nicht. Nichts passierte. Ich war kein Fisch, ich war allein, es war keiner da, ich war dabei zu ertrinken, ich war in Panik, ich hatte Wasser geschluckt, viel Wasser. Das Zucken half nichts. Ich schlug mit meinem Kopf auf das Wasser ein, ich wollte nach oben. Es war hell. Ich wollte nach oben. An die Luft. Atmen. Ich streckte meinen Mund aus. Aber meine Lippen waren zu kurz. Mein Mund war voll Wasser, es rann hinunter in mir. Es brach hinein in mich. Ich wollte nicht sterben. Nicht tot sein. Wollte leben. Wollte nach oben. Wollte Luft. Dann wurde es schwarz.
Ich spürte, wie ich plötzlich schwebte. Ich war im Himmel. Ein Engel packte mich und zog mich nach oben. Für immer.

Ich umarmte ihn lange. Ich klammerte mich an ihn, ich kroch an ihm hinauf, schlang meine Arme um seinen Hals und weinte. Er hielt mich fest. Ich schluchzte, ich schrie und dann weinte ich, wimmerte. Er hielt mich mit seinen alten Händen an die Brust gedrückt. Weine nur, sagte er. Und ich weinte lange.

Er schnitt das Seil los und brachte mich nach oben. Er zog mich ans Ufer. Er gab mir mein Herz zurück. Er drückte auf meine Brust. Ich spuckte Wasser, hustete, wälzte mich hin und her. Er befreite meine Hände los und den Fuß, er war ganz nah über mir, sein Gesicht war still und sicher, er strich mit seiner Hand über meine Wangen.
Ich spuckte das halbe Meer aus mir heraus, ich hustete, ich begriff nur langsam, was passiert war. Er lächelte. Willkommen, sagte er. Ich blieb ruhig liegen und schaute ihn an. Seine Augen waren warm. Er nahm mich bei den Schultern und zog mich hoch, drückte mich an sich, ich kroch seinem Bauch entlang nach oben. Mein Kopf lag an seiner Brust. Er küsste mich auf die Stirn. Und ich spürte mein Herz.
Es war laut unter meiner Haut.
Es war zurück.

Das war vor acht Wochen. Eben war der Junge bei mir. Er kommt immer Mittwochs, hilft mir bei meiner Arbeit. Auch der Alte wird kommen. Schauen, ob du noch lebst, hat er gesagt. Und ich habe der Frau geschrieben, dass sie in die Werkstatt kommen kann, wenn sie es immer noch will. In einer Stunde ist sie da. Ich habe zu wenig gelebt. Ich habe gar nicht gelebt. Jetzt fängt es an.
Heute ist ein sehr schöner Tag.

© bernhard aichner