Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Josef Pedarnig: Schattenspringen

Vom Orbit aus gesehen, der sich imaginär durch das All zieht, den schwarzen Kontinent im Sucher, wie er sich so gar nicht vorstellungsgemäß schwarz darbietet,  von dort aus also und bei rechtem Vergrößerungslicht besehen ist Der Weiße Mann auf dem den afrikanischen Kontinent mitten durchschneidenden imaginären Kreis, der auf den Namen Äquator gekommen ist, genau um Mittag 12 Uhr und keine Sekunde später ein ‚Was’?

Bei obiger deutscher Satzbau- und philosophischer Denkweise wäre es naheliegend,
diese existenzialistische Fragestellung wie eine Burg einzunehmen, um mit dem gewonnenen Rüstzeug abklären zu können, ob dieses ‚Was’ auf dem schwarzen Äquator um 12 Uhr Mittag
wirklich keinen Schatten wirft; etwa weil Weiß keinen Schatten wirft oder Schwarz jeden Schatten verschluckt, oder weil die zu diesem Zeitpunkt im Zenith stehende Sonne diesen weißen Mann auf schwarzem Grund gar nicht wahrnehmen will.

Letzteres entspricht zwar nicht der Logik des Weißen Mannes, er folgert aber trotzdem aus angemessenem Bedürfnis zur Selbstreflexion, daß er hier und in dieser Lage bei vollem Bewusstsein seiner eigenen Beweiskraft zwar keinen Schatten hat, aber die einmalige Gelegenheit für gekommen sieht, sprichwörtlich oder nicht ‚über den eigenen Schatten’ zu springen.

Seine in der Szene anwesende, nicht so sehr intellektuell orientierte, dafür aber den Naturphänomenen aufgeschlossenere Frau sieht, dem magischen Zauber des afrikanischen Mittags hingegeben, neben ihrem Mann einen Schwazen auf dem Äquator seines Kontinentes sitzen.
„Ich bin es,“ gibt er zu verstehen, „der hier über seinen eigenen Schatten zu springen vermag.
Du könntest es auf grund deiner Auffassungsgabe als mein eingeborenes Ritual zur Kenntnis nehmen, wenn ich ein solches nötig hätte.“

Und die weiße Frau sagt zu ihrem Mann: Siehst du?!
Nein, sagt dieser, aber ich denke, daß du nicht weißt, was du sagst, daß du siehst.
Sie entgegnet, was ich sehe, kann ich schwarz auf weiß belegen, obwohl ich nicht deiner Logik verpflichtet bin. Der Schwarze hier kann über seinen eigenen Schatten springen, weil er keinen hat auf diesem Grund, obwohl der Mittagsaugenblick schon überschritten ist.
Ich werde ihn fragen, ob er dir zu Liebe einen weißen Schatten werfen kann und wie er es dann macht mit dem Überspringen.
Das ist nur theoretisch möglich, sagt der Mann.
Aber praktisch ist in Afrika vieles anders, sagt sie. Er könnte zum Beispiel wahrscheinlich eventuell – na sagen wir: auf die Idee kommen, seinen nicht vorhandenen Schatten auf dich zu werfen.......ob du dann auch verschwinden würdest?
Du machst mich verrückt mit diesen Sachen, wo hast du das her?
Sie lacht. Es ist so naheliegend. Du weißt ja nicht, ob er seinen weißen Schatten oder seinen schwarzen nach dir wirft. Und ob du versuchen würdest, darüber zu springen, vielleicht aus Angst, oder aus Verlegenheit.
Du bist verrückt.
Nein. Der Schwarze meint, wir mit unserem Schatten seien immer damit belastet.
Womit?


Dass wir ihm immer selbst auf die Füße steigen. Wie sollen wir da vom Fleck kommen, geschweige denn über ihn springen können.
Albernes Geschwätz.
Er sagt, der schwarze Kontinent werfe weißes Licht auf unsere Schatten, deshalb hätten wir keine Kontur. Weiters meint er, auf unserem Orbit sähen wir so klein aus. Ob wir immer schon so gewesen seien.
Na, da sind wir ja wieder, meint der Mann zufrieden. Die Welt gleich wieder ganz anders aus, meinst du nicht?
Wo sind wir stehen geblieben, fragt sie.
Na, jedenfalls nicht mehr über dem schwarzen Kontinent.
Fürchtest du dich vor dem schwarzen Mann?
Was soll die Frage.
Stell sie in den Schatten.


© Josef Pedarnig
Aus „Freie Szene“ 15.2.08