Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Mathias Klammer: Leblose Erinnerungen

Leblose Erinnerungen

Wenn sie die Farbe in die Hand nahm, mit dem getränkten Pinsel über die Leinwand fuhr, war sie glücklich. Oft erzählte sie mir von Begegnungen, skurril, einmalig. Von kurzen Liebeleien, mit Männern, groß, kantig, die sie nie mehr wieder gesehen hatte, in ihrem langen Leben. Sie lachte verschämt, wenn sie mit ihren Geschichten begann, die schon lange vorbei, trotzdem noch nah waren, in ihren Worten, Sätzen.

Ich merkte ihr an, dass ihr Körper schmerzte, jede einzelne Bewegung weh tat, doch sie ließ sich nicht davon brechen, machte weiter, sprach, erzählte, lebte.

Auf den Bergen kannst du die Sonne erst richtig spüren. Sie geht einen Pakt mit dir ein, mit nichts zu vergleichen. Sie wird eins mit deiner Haut, deinem Gesicht, deinem Dasein. Du möchtest darin verschwinden, in ihnen, den Strahlen, die auf deinem Gesicht tanzen, dich deine Augen schließen lassen, um ihr noch näher zu kommen. Näher als jemals zuvor.

Ich sah ihr Lachen, wie sie aus dem Fenster schaute, auf die verschneiten Bergmassive, die draußen auf uns warteten. Ich fragte sie, ob sie es noch einmal wagen würde, die Berge zu erklimmen, oben zu stehen, auf dem Gipfel, kurz mit sich und dem eigenen Leben allein zu sein. Doch sie schüttelte nur den Kopf, lächelte, obwohl ihre Augen traurig zu Boden schauten.

Nein, mein Junge, flüsterte sie. Dafür ist es zu spät. Leider. Ich bemerkte ihre Tränen, die über ihre Wangen liefen, manchmal zu Boden fielen, doch ich sagte nichts, wusste, dass sie nicht getröstet werden wollte, nur einen kurzen Moment für sich brauchte.

Ich wartete. Sie wischte die Tränen weg, schaute mich an, erzählte weiter.

Wie schön es sein kann, der Weg dort hinauf, manchmal sogar schöner als das Ziel. Der Weg ist das Ziel, hat irgendwer einmal gesagt. Ich nickte. Es ist nicht mehr wie früher, heute ist alles anders. Ich will nicht sagen, dass es schlechter ist, aber einfach anders. Früher haben wir uns gefreut, wenn wir sonntags auf unsere Berge gestiegen sind. Heute ist das normal geworden. Ich verstehe es nicht, kannst du es mir erklären.

Ich konnte es nicht, wusste nicht, wie zu beschreiben war, warum es so war. Sie nickte mir aufmunternd zu, als wollte sie sagen, dass ich nichts dafür könne, mich keinerlei Schuld treffe.

Der Weg ist das Ziel, sagte sie noch einmal, bevor ich sie fragte, ob das Leben zwischen den Bergen, auf den Bergen, nicht trostlos sei, gefährlich.

Sie stand auf und ging.

Ein paar Minuten später kehrte sie zurück, drückte mir ein zerlumptes Stück Paper in die Hand. Ein monochromes Foto, ein paar Zeilen darunter. Ein Sterbebild. Aus früheren Zeiten.

Bevor er gegangen ist, hat er mich geküsst, auf die Stirn. Ich spüre noch heute seine Lippen auf meiner Haut. Zwei Tage später haben sie ihn tot aufgefunden. Er ist in eine Spalte gestürzt, die Sonne hatte ihn blind werden lassen, unwirklich. Sie hat ihm das letzte Leben ausgesaugt. Irgendwann ist er dann gestorben, da oben. Sie zeigte mit dem ausgestreckten Finger durch das Fensterglas auf einen unbestimmten Punkt.

Keiner konnte ihm helfen. Vielleicht ist er verdurstet. Oder erfroren. Auf alle Fälle war er nicht mehr am Leben, als sie ihn fanden. Ich sehe noch heute vor mir, wie er meine Hand nimmt, durch die Tür nach draußen geht, in das sichere Verderben, mir zuwinkt, ich ihn nie wieder sehen werde, seitdem.

Sie drückt meine Hand, fester, als ich es ihr je zugetraut hätte. Geh hinauf, auf die Berge. Lass dir gesagt sein, dass es sich lohnt. Du weißt es doch selbst, wie sie ist, diese Heimat. Auf den Bergen wirst du sie fühlen, glaube mir, du wirst sie spüren. Vielleicht nur kurz, aber dafür intensiv.

Manchmal fühlst du dich erdrückt, zermalmt, von dem vielen Grau, das dich umgibt, dich nicht mehr loslässt, bis du stirbst. Es ist diese Gewissheit, die dich erstarren lässt, dir Angst macht, vor dem Tod, dass du untergehen wirst, dass nichts mehr von dir übrig bleiben wird, außer ein paar Meter voller Stein und Erde, zwischen Millionen Kilometern voller Stein und Erde. Du fühlst dich, als ob dein Leben nichts Besonderes wäre, einerlei, ob da oder nicht, ob über oder unter der Erde, ob am Leben oder schon lange tot. Zwischen den Bergen hat das keinerlei Bedeutung.

Diese Erinnerung, trostlos und ewig zugleich. Sie sagt, dass man vergisst, irgendwann, dass man vergessen muss, je früher desto besser. Und trotzdem gelingt es ihr nicht.