Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Uwe Ladstädter: Zug um Zug

Nachdem das Handy zu tanzen aufgehört hat, schnappe ich mir den Koffer und den dunklen Anzug in der so praktischen Reisehülle. Wie vereinbart wartet sie im Golf vor der nahen Klosterkirche. Danke, dass du gekommen bist und ab die Post.

Sie zählt nicht zu den langsamen Lenkerinnen, nein wirklich nicht, aber sie fährt gut, das heißt, nicht Bremse-Gas, Gas-Bremse wie andere und ho ruck in die Kurve, nein wirklich nicht und ich werde ganz sicher keine Bemerkung darüber entkommen lassen, dass wir den Zug in Bozen leicht erreichen. Jeder stirbt einmal und besser gleich in einem Golf als langsam auf einer Pflegestation. Aber es ist Samstag früher Nachmittag und alle anderen haben keinen anderen Wunsch, als auch diese Straße benützen zu wollen.
Und dann dauert es doch länger, als geplant. Endlich auf der Autobahn staut es sich im Eisacktal, in zwei Spuren quälen wir uns Meter für Meter an Sattelschleppern entlang, fluchen und buchstabieren ausländische Beschriftungen auf den LKW-Planen. Sie hat sich diese Spritztour kürzer vorgestellt und mir ist es nicht gleich, weil ich weiß, dass sie sich es kürzer vorgestellt hat. Endlich in Bozen – sie sagt ‚Boazn’ um mir zu zeigen, dass sie des Einheimischen mächtig ist – wird es dann nur mehr ein Kaffe in einem schäbigen Lokal. Sie will am Abend daheim noch ausgehen und hat ausgemacht und ich brauche sie nicht bis zur Abfahrt und danke vielmals und komm gut heim.

Wie ich in der Tiefgarage beim Bahnhof meine Sachen aus ihrem Auto nehme, spüre ich ihre Erleichterung. Jetzt sind wir quitt, denkt sie sicher, und keiner braucht dem anderen etwas vorzuwerfen. So schmuggle ich noch 20 Euro Benzingeld auf den Rücksitz und als ich mit meinen Sachen dem Bahnhof zustrebe, bin ich ein wenig traurig, weil das wieder so ein Abschnitt ist.

Natürlich hat der Zug Verspätung und als er endlich einfährt, kommt er von der falschen Seite, weil ich nicht weiß, dass das meine Garnitur ist, die da aus dem Süden einfährt, der Richtung, in die ich hin möchte.

Waggonnummer und Platznummer stimmen, also, was soll es. Ich klemme den Koffer zwischen zwei Sessellehnen, den Anzug hoch oben auf die Ablage und mich hinter ein kleines Tischchen. Schreibblock und ‚Unter apenninischem Himmel – Ein italienisches Lesebuch’ liegen bereit, eine afrikanische Putzfrau lärmt lustlos durch die Reihen und übersieht großzügig die Abfälle unter meinem Sitz. Egal, ich habe meinen reservierten Fensterplatz und viel Zeit zum Lesen und Schreiben.

Irgendwann auf Seite 24 setzen wir uns in Bewegung.

In einem Zug will mir nichts einfallen und schon gar nicht Zug um Zug. Der Zug, in dem mir nichts einfällt, hat die Nummer 9483 und inzwischen 33 Minuten Verspätung.

14 moderne Großraumwaggons mit je vier Sitzen und Tischchen dazwischen, gleiten ruckfrei durch den Abend. Nach Rovereto wird es rasch dunkel. Regenwolken eilen uns entgegen.

Vor jeder der wenigen Stationen zwischen Bozen und Rom, in denen die Italienischen Eisenbahnen aus- und einsteigen lassen, plätschert eine weibliche Stimme freundlich weich aus den Lautsprechern und erklärt mehrsprachig den kommenden Halt. Hat sich dann der Waggon fast unbemerkt lautlos gleitend wieder in Bewegung gesetzt und an Fahrt gewonnen, knackst es erneut in den Boxen. Sanft und von gewinnender Herzlichkeit werden die neuen Fahrgäste mehrsprachig willkommen geheißen.

Wir freuen uns, dass Sie mit uns –

Der vierte Waggon von vorne ist der Speisewagen –
Der nächste Halt ist Verona –

Gäbe es Schwimmwesten unter den Sitzen, sie würde uns auch deren Gebrauch liebevoll erläutern.

Über die Fensterscheiben ziehen Springfluten von irgendwo her nach irgendwo hin in dieser Nacht. Im letzten Licht glänzen überschwemmte Wiesen neben dem Bahndamm. Was für ein Glück, dass ich bei diesem Wetter nicht mit dem Auto gefahren bin!

Große Strecken werden so schnell bewältigt, dass den so freundlich begrüßten Fahrgästen die Ohren zufallen. Ein seltsames Bild bietet sich mir, während ich die Geräusche um mich wie durch Watte gedämpft wahrnehme: von vorne bis hinten versuchen die Passagiere durch Schlucken und Kaubewegungen ihre Trommelfelle vom Luftdruck zu befreien. Für einen unvorbereiteten Betrachter müsste, ginge es ihm nicht genauso, die dafür aufgewendete Mimik der jeweils zu zweit Gegenübersitzenden recht seltsam erscheinen.

Dazwischen wartet die Garnitur ohne einen für uns erkennbaren Grund von Unwettern umspült irgendwo im Finsteren auf freier Strecke.

Inzwischen hat sich die Saumseligkeit auf 45 Minuten erhöht.

Den weitläufigen Gleisanlagen der Statione Termini nähert sich der Zug so langsam und vorsichtig, wie wenn er außer den 55 Minuten Verspätung noch alles mögliche andere angestellt hätte.

Endlich die ersehnte zarte Stimme, diesmal merklich eiliger, ja geradezu unpersönlich und nur mehr auf Italienisch, sprudelt sie über unseren Köpfen:

Wir sind in wenigen Minuten in Rom.

Wegen der Verspätung haben Sie keinen Anschluss mehr nach Bracciano, Grosseto, Foggia und Fiumicino Aeroporto. Bitte erkundigen Sie sich in der Bahninformation beim Bahnsteig vier. Die Bestätigung für Ihre Entschädigungsansprüche bekommen Sie in der Eingangshalle bei den Schaltern 3 bis 5.
Knacks!

Ach, all diese versäumten Anschlüsse, nie mehr wiederkehrende Gelegenheiten, weg, aus, vorbei. Auch keine guten Wünsche mehr zu den zwischen den Sitzen sich ankleidenden und ihre Sachen zusammensuchenden Fahrgästen.

Die Schalter 3 bis 5 sind ab Mitternacht geschlossen. Vor dem Bahnhof tobt die lange weiße Nacht von Rom. Museen, Geschäfte, Ausstellungen, Cafés, alles ist bis zum Morgen geöffnet, vor allem aber der Himmel. Weint er über die Verspätungen?

Der Rundfunk meldet am nächsten Morgen 2,6 Millionen Besucher, mit mir immerhin noch einer mehr. Es ist wie beim Stadtfest in Lienz: Es regnet und es wird gelogen.

Mino, mein Schwager, begleitet mich am nächsten Vormittag im Bus durch die von Verstopfungen gequälte Heilige Stadt. Mit dem eigenen Auto ginge es noch langsamer. Nach einer Stunde und fünfzehn Minuten vom Stadtteil Monte Verde Nuova bis zur Piazza Repubblica erreichen wir zwischen Menschen und Gerüchen eingekeilt den Bahnhof. Vor den Schaltern hat man Absperrgitter errichtet. Eine Endlos-Schlange von Menschen mit Fahrkarten in der Hand lässt uns vermuten, dass mein Zug am Vortag nicht der einzige mit Verspätung war. Langsam, sehr langsam, nähern wir uns dem hinter der Glasscheibe amtshandelnden Beamten.

Endlich! Ich zeige ihm mein Ticket, er schiebt mir ein Formular zu, Zugnummer, Name, Anschrift, Datum . . . er studiert es, nickt, und füllt einen Gutschein für die nächste Fahrt mit der italienischen Eisenbahn aus. Nein, ich will keine Gutschrift, no abbuonare, verflixt, ich habe die Rückfahrkarte schon gebucht und bezahlt. Si, con Internet. Ich habe Anspruch auf Rückvergütung. Mino übersetzt gebärdenreich. Der Beamte verlässt den Schalter und sucht einen Vorgesetzten. Hinter uns murrt das eingekeilte Volk. Dann erscheint der Herr der Dinge. Taubengrauer Anzug, messerscharfe Bügelfalten, die taubengrauen Haare frisch geschnitten und in leichten Wellen befestigt, taubengraue Augen über einer schmalen Schnurrbartkomposition, nicht zu sinnlich breit, nicht zu stutzerhaft schmal.

Wenn ich doch wieder nach Bolzano fahre, warum benötige ich dann keinen Gutschein?

Weil ich diese Karte schon gekauft und bezahlt habe. Zartes Stirnrunzeln, niedergehalten von Feuchtigkeitscreme. Ich werde doch sicher irgendwann wieder mit der italienischen Eisenbahn fahren, wenn ich doch aus Bolzano bin.

Nein!!! brülle ich ins wasserfeste Mikrofon. Ich bin nicht aus Bozen, ich komme aus Österreich und möchte die für die Verspätung angekündigte - -

Sie sind Ausländer! Das Rufzeichen bebt noch eine Weile nach.
Der Schöne im Anzug greift zum Telephon. Hinter mir verderben üble Schimpfworte die Bahnhofsluft. Mit wem telephoniert er? Mit dem Außenministerium? Mit der Einwanderungsbehörde oder gar mit seiner Excellenz, unserem Bundespräsidenten? Das kann er sich sparen, der weilt bekanntlich zur Zeit in New York. Nach gedehnten Minuten erstarrt der Anzug in militärischer Haltung – jawohl! Ganz richtig! Selbstverständlich! Wir überweisen Ihnen natürlich den Betrag! Es kann allerdings ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen dauern. –

Hinter seinen Augen ahne ich die Zugbegleiterin, gefesselt, geknebelt, gefoltert und zu einer Schmalspurbahn in die Basilikata verdammt. Mino, mein Schwager, findet seine nationale Ehre gerettet und wir verlassen, ein, wie es sich später herausstellen soll, völlig nutzloses Papier in der Hand schwenkend, triumphierend die Statione Termini.

© Uwe Ladstädter
Juli 2005