Beiträge der virtuellen Wandzeitung

Peter Stan: Einmal Friedhof und zurück

Die Katherina, (77 Jahre), ist im Terminus der Validation das, was man eine „Mangelhafte“ nennt. Soll heißen, sie hat eine leichte Demenz und ist sich dieser Tatsache noch bewusst. Daher überspielt sie gewisse Erinnerungslücken meisterhaft und beharrt stur auf ihrem Standpunkt. Das führt manchmal zu Situationen, die von uns viel Geduld erfordern, um ihre Gefühle nicht zu verletzen und das Spiel mitzumachen.

Der erste wirklich warme Tag dieses Jahres gab mir Gelegenheit, ein Versprechen einzulösen. Seit Tagen schon raunzte Katharina herum.
„So, Kathl. Heute gehen wir, deinem gestrigen Wunsch entsprechend, auf den Friedhof.“
I! I! Des hoaßt Kathi! Kathl klingt gar so bäurisch, i bin jetzt da in an besseren Haus! Und übrigens, red decht nit so gschwolln daher! Deinem gestrigen Wunsch entsprechend! Des Stadtner habt´s vielleicht a blöde Rede! Peterle, Peterle, sag decht glei, wir gehen auf´m Friedhof, zum Tate!“
„Is schon guat, Kathi. Wir gehen auf´m Friedhof, zum Tate.“
„Warum nit glei so?“

Unter viel Geschnaufe und Geächze schlüpft die Kathi in ihre Jacke, setzt die Sonnenbrille auf, schnappt sich ihren Stock und hängt sich resolut bei mir ein. „Gemma, gemma!“
Im Schneckentempo eilen wir den langen Verbindungsgang Richtung Haustür, zwischendurch immer wieder die bekannten, lautstarken Seufzer der Kathi: „Hahh! Hahh! Na so schieche!“ Ungefähr fünfzig Meter vom Heim entfernt steht unter einer mächtigen Linde eine Bank. Angesichts des ächzenden Weibleins an meinem Arm mache ich den Vorschlag, dort kurz zu rasten. „Na, na. Da sitzen lei die alten Weiber vom Altersheim, da hab i nix verlorn.“
Na bitte, dann eben nicht. Weiter kämpfen wir uns den leicht ansteigenden Weg Richtung Kirche hinauf. Sie verweigert jede noch so kurze Rast. „Da Tate wartet auf mi, hahh, hahh!“ Im unteren Friedhof angekommen steuert sie zielstrebig auf ein Grab zu. Mühsam bückt sie sich zum Weihwasserbehälter, sprengt und meint in ihrem üblichen, lauten Tonfall: „Griaß di, Moidl. Griaß di, Franz! Jetzt bi i do. Bleibt´s lei ruhig liegen. Hahh! Hahh! I geh jetzt wieder. Pfiat enk!“ Ungeduldig reißt sie mich am Ärmel. „Jetzt geh schon, schau nach. Da unten miassn die Resi und die andere Moidl liegen.“

Pflichtbewusst gehorche ich und trotte die Grabreihen auf und ab.
„Na, nit so weit drübn, Lappe blöder!“
Sie scheucht mich mit Kommandostimme kreuz und quer über den Gottesacker, ich finde die verflixten Gräber nicht. Ganz vorsichtig melde ich Protest an.
„Kathi, kann des möglich sein, dass de Gräber oben bei der Kirche sein?“
„Hahh, hahh. Ja Narre, depperter, da oben is ja koa Friedhof mehr!!“
„Woll, woll, Kathi. Schau, da oben sieht man die Grabkreuze.“
„Ja, nochan gemma halt endlich, hahh, hahh!“

Gleich neben der Kirche finden wir die gesuchte Grabstätte. Bekanntes Ritual: „Griaß die Resi. Griaß di Moidl. Wie geht´s enk denn? Na so schieche, hahh, hahh.“ Sie sprengt das Grab und sagt mir gleich die nächsten Namen und die ungefähre Lage der gesuchten letzten Ruhestätten an. Tatsächlich finden wir auf diese Art und Weise etliche ihrer alten Bekannten und Verwandten wieder. Das Grab ihrer Eltern bereitet uns noch einiges Kopfzerbrechen, sie hetzt mich wieder im Kasernenhofton durch die Gegend, was unter den zahlreichen Besuchern des Friedhofs einiges Schmunzeln auslöst. Als ich ihr endlich melden kann: „Schau, Kathi, da liegen sie,“ schnauft sie vorwurfsvoll Richtung Grab: „Ja Tate, warum meldescht du di denn nit? I such di da und du machscht kan Mucks. Hahh! So, a bissl a Weihwasser und pfiat enk. Peterle, gemma wieder!“
Während wir wieder Richtung Kirche spazieren, grübelt sie ständig nach, wo denn nun das Grab ihres verstorbenen Ehegatten sei. Einem Mann, der gerade vorübergeht, lehrt sie das Fürchten. „He, wo isch denn eppa des Grab vom Steiner Lois?“
Freundliche Antwort: „I waß des nit, i bin nit von da.“
Die Kathi wird zur Furie: „Ja dann suach´s halt endlich!!!“ Während der Mann erschrocken zurückhüpft, blinzle ich ihm zu und zerre das wütende Weiblein Richtung Kirchentür.
„Kimm, Kathl, gemma einmal in die Kirchn eini.“
„I! I! Des haßt Kathi!“

Sofort nach dem Betreten der Kirche fängt die Kathi in voller Lautstärke zu beten an. Wer weiß es denn schon so genau, vielleicht ist der Herrgott ja wirklich schwerhörig?
„Vater unser im Himmel,
geheiliget werde dein Name.
Dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel,
so auf Erden.
Gib uns unser tägliches Brot
und vergib uns unsere Schuld.
……????
Hahh! Hahh! Na, bin i jetzt miade vom Beten!“

Tatsächlich, ich hatte ja förmlich darauf gelauert und es ist wieder passiert. Sie kann das „Vater unser“ wirklich nicht mehr. Vor den Mahlzeiten auf der Station beten wir ein Tischgebet. Die Kathi stimmt jedes Mal wortgewaltig das „Vater unser“ an, kommt aber nie bis zum Ende. Sie hat den Schluss vergessen.
Im Hintergrund des Kirchenschiffs sitzen zwei Frauen und beten, jetzt fangen sie an zu schmunzeln. Nach der nächsten Meldung verlassen beide fluchtartig das Gotteshaus. Kathi steht mitten in der Kirche, schaut zu den wunderschönen Fresken hinauf und donnert los.
„Lieber Himmeltate! Schau auf meine Augen, mei Blasn und mein Kopf! Amen!!“

Einerseits rührt mich diese kindliche Bitte fast zu Tränen, andererseits bereitet mir die Reihenfolge großes Vergnügen. Ich grinse sie liebevoll an.
„Lach nit so blöd! Kimm, gemma schauen wo´s a Kirchenblattl gibt. Des koschtet nämlich nix. Hahh, hahh!“
Leider finden wir besagte Gratislektüre nicht, was meine Begleiterin zu etlichen unfreundlichen Kommentaren über den Geiz der Kirche veranlasst. Beim Verlassen dieses ansonsten so ruhigen Ortes regt sie sich gleich noch einmal über die Temperatur des Weihwassers auf: „Na so schieche, is des kalt!“
Auch vor der Kirche erregen wir noch einmal Aufmerksamkeit. Kathi freut sich über unseren kleinen Ausflug so sehr, dass sie mir zuliebe eine eigene Version eines alten Kinderreimes zum Besten gibt. Natürlich nicht im Flüsterton.
„Peta, Peta, in der Lab´n steht a.
In da Kuchl huckt a, die Knödl druckt a.
In´s Bett scheisst a…“
Kurze Pause.
„Jetzan waß I nimma weiter, hahh, hahh. Kimm gemma!“

Während wir durch den Friedhof zurückgehen, gibt sie mir wieder so manche Nuss zum knacken. Schon vorher war mir aufgefallen, dass sie etliche Leute noch ganz gut kannte, zu anderen aber nur meinte: „I hab di früher einmal gekannt, jetzt waß i aber nimma wer du bischt!“ Auch jetzt das gleiche Spiel, manche kennt sie, andere lässt sie links liegen. Dabei schaut sie aber so komisch, dass ich das Gefühl nicht loswerde, sie verarscht mich und diese Personen. Ja, ja, manchmal mag es vielleicht gar nicht so schlecht sein, wenn man sich auf eine leichte Verwirrung ausreden kann.

Wieder im Heim angekommen umarmt sie mich, drückt mir etliche feuchte Küsse auf die Wangen und befiehlt mir: „Morgen gemma wieder!!“

Da bin ich mir aber nicht so sicher.


Zur Person: Peter Stan arbeitete lange  im Wohn- und Pflegeheim Matrei in Osttirol und nun im Wohn- und Pflegeheim Lienz. Er verarbeitet seine Erlebnisse mit den alten Menschen literarisch und mit viel Humor.

Übersetzung einiger Dialektwörter für Nicht-Osttiroler:

Tate = Vater
schiache = hässlich
Lappe = Trottel
Lab´n = Hausflur